„Investieren oder sparen – Prioritäten setzen in Zeiten globaler Krisen“
„Investieren oder sparen – Prioritäten setzen in Zeiten globaler Krisen“
4. Dialogveranstaltung
Datum: 17. Juni 2025
Ort: Xelor KesselhausDieser Link führt zu einer externen Seite, Berlin-Neukölln
Globale Unsicherheiten, Klimakrise und soziale Spannungen fordern neue Antworten von der Wohnungswirtschaft. STADT UND LAND brachte Perspektiven aus Theorie und Praxis zusammen.
Anke Plättner (Moderation)
Prof. Dr. Herfried Münkler
Ingo Malter, STADT UND LAND
Wiebke Ahues, Architektenkammer Berlin
Dr. Fritz Felgentreu, Reichsbanner
Michael Müller, Regierender Bürgermeister a. D.
„Regeln müssen Innovation ermöglichen, nicht verhindern.“ – Ingo Malter
„Schönheit ist Nachhaltigkeit.“ – Wiebke Ahues
„Gesamtverteidigung betrifft die gesamte Infrastruktur.“ – Dr. Felgentreu
„Mehr und größer ist vorbei.“ – Michael Müller
Die Welt ist im Wandel - Machtpolitik gewinnt wieder an Bedeutung und der Druck auf Gesellschaft, Politik und Wohnungswirtschaft wächst. Es fehlt ein Hüter der Ordnung, eine moralische Instanz, ein Vorbild, das für Verlässlichkeit sorgt und Regelverletzungen nicht duldet. In seiner Keynote bei der Dialogveranstaltung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft STADT UND LAND am 17. Juni 2025 stellte Prof. Dr. Herfried Münkler fest: Wir leben in einer Zeit, in der regelbasierte Ordnungen neu gedacht, Führung aktiv gelebt, gesellschaftliche Resilienz gestärkt und intellektuelle Trägheit mit Kreativität überwunden werden müssen.
Doch was bedeutet das für das Bauen und Wohnen in einer Welt im Ausnahmezustand? Wird alles wieder gut – und wenn nicht: Reicht es dann, Schutzräume zu schaffen, um Gesellschaft, Städte, Organisationen zu stabilisieren? Die Antworten auf diese Fragen sind nicht einfach, denn sie liegen im Spannungsfeld wachsender Baukosten, geopolitischer Unsicherheiten und ambitionierter Klimaziele. Der Wohnungsbau steht damit unter doppeltem Druck: wirtschaftlich und moralisch.
Wie lassen sich Klimaschutz, Sicherheit und soziale Gerechtigkeit in Einklang bringen? Unter dem Titel „Investieren oder sparen für schlechte Zeiten? Welche Prioritäten setzen wir in Zeiten globaler Krisen?“ kamen im Xelor Kesselhaus in Berlin-Neukölln Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft, Stadtentwicklung und Architektur zusammen. Unter der Moderation der Journalistin Anke Plättner diskutierten sie mögliche Strategien und trafen sich in einem Punkt: Es braucht ein radikales Umdenken.
„Die Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, müssen neu verteilt werden“, so Ingo Malter, Geschäftsführer der STADT UND LAND. Und mehr noch: Der Immobilienmarkt stehe nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch unter Druck. Der Klimawandel erfordere neue Investitionen, doch alte Regeln behinderten oft die nötige Flexibilität. „Wir erleben, dass Regeln, die einst Sicherheit versprachen, heute oft Innovationen hemmen“, betont Malter. Gefragt sei ein intelligenterer Zugang zum Thema Wohnen auch jenseits der Innenstadtlagen. Gerade in den Außenbezirken schlummerten bislang übersehene Potenziale.
Auch beim Bauen selbst braucht es ein neues Denken. „Wir müssen zurück zur Einfachheit und dennoch klimagerecht bauen“, erklärt Wiebke Ahues, Vizepräsidentin der Architektenkammer Berlin. Wohnraum müsse entstehen und bezahlbar bleiben. Schönheit, so Ahues, dürfe dabei nicht als Luxus gelten. Sie bedeute vielmehr Langlebigkeit und Identität. Wer Schönes baue, baue nachhaltig, weil es Bestand habe. Zudem hänge der soziale Frieden einer Gesellschaft maßgeblich mit der Versorgung mit Wohnraum zusammen. Das Konzept „Bauen im Bestand“ liefert hierfür konkrete Ansätze: Gebäude erhalten, statt abreißen. Unbewohnte Flächen aktivieren. Ressourcen schonen, statt verschwenden. Und dabei nicht vergessen: „Wer ist denn gegen schön bauen?“
Verantwortung übernehmen – das war die Botschaft vieler Beiträge. Nachhaltiges Bauen und Wohnen sei mehr als eine technische Aufgabe, es sei Ausdruck einer Haltung gegenüber kommenden Generationen. Eine Haltung, die nicht auf Nationalismus und Abschottung setzt, sondern auf Kooperation und ein gemeinsames Werteverständnis. In der regelbasierten Ordnung, von der Prof. Münkler spricht, ist das europäische Gemeinwohl ein kollektiver Wert, oder ein „common good“ das bewahrt und geschützt werden muss damit es für alle zugänglich bleibt.
Schutz wird dabei neu gedacht. Es geht nicht nur um militärische Stärke, sondern um ganzheitliche Resilienz. „Gesamtverteidigung betrifft die gesamte Infrastruktur – von Schutzräumen über Cybersicherheit bis zur Energieversorgung“, mahnt Dr. Fritz Felgentreu, Bundesvorsitzender des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Eine intelligente Form der Abschreckung müsse all diese Elemente zusammendenken – und der Immobilienmarkt spiele darin eine zentrale Rolle.
Mehr und größer ist vorbei, so Michael Müller, Regierender Bürgermeister a. D. Früher sei Fortschritt gleichbedeutend gewesen mit Wachstum. Heute jedoch sei schon die Bewahrung des Status quo eine enorme Leistung, gerade in der Wohnungswirtschaft. Es gelte, „Herausforderungen anzunehmen, Probleme ehrlich zu benennen und Flächen effizienter zu nutzen.“ Das koste Zeit, Kraft und Geld, sei aber notwendig.
Bei einem Punkt sind die Speakerinnen und Speaker sich einig: Es braucht eine neue Mentalität – eine Haltung, die Verantwortung mit Kreativität verbindet. Ein Denken, das sich nicht länger am bloßen Machterhalt orientiert, sondern am zukunftsfähigen Gemeinwohl. Investitionen in Wohnraum, Infrastruktur und Klimaschutz sind dabei kein Luxus, sondern die Grundlage für Stabilität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gerade in einer Zeit, in der vertraute Sicherheiten erodieren, wächst die Bedeutung von Mut, Haltung und Weitblick.
In der vierten Veranstaltung zur Frage „Investieren oder sparen?“ betonte Prof. Dr. Herfried Münkler die Notwendigkeit einer neuen Ordnung, die nicht nur auf politische oder ökonomische Stabilität, sondern auch auf kulturelle Resilienz setzt. Die Expertinnen und Experten forderten eine Neujustierung der Prioritäten im Wohnungsbau: mehr Nachhaltigkeit, intelligenter Umgang mit Ressourcen, Förderung des sozialen Zusammenhalts. Stark war der Aufruf von Wiebke Ahues, Schönheit im Bau nicht als Luxus, sondern als Teil von Identität und Nachhaltigkeit zu begreifen.
Die Veranstaltung hat gezeigt, wie dringlich und relevant das jeweilige Thema für die Gesellschaft und insbesondere für das Zusammenleben im urbanen Raum ist. Die STADT UND LAND versteht sich nicht nur als Vermieterin, sondern als aktiver Akteur im gesellschaftlichen Miteinander. Ziel des Formats ist es, Debatten zu ermöglichen, Polarisierungen entgegenzuwirken und Räume für konstruktiven Austausch zu schaffen.
Die Erkenntnisse aus den Veranstaltungen fließen in die tägliche Arbeit ein – sei es durch neue Kommunikationsangebote, Unterstützung von Initiativen oder durch die Gestaltung von Wohnquartieren als Orte des Dialogs.