Heimat zwischen Dorf und Platte

Heimat zwischen Dorf und Platte

© STADT UND LAND
Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf – für viele sind das vor allem die berühmten Plattenbauten. Ab Ende der 1970er-Jahre entstanden, prägen sie mit ihrer massiven Präsenz bis heute das Bild. Dabei reicht die Siedlungsgeschichte dieses Fleckens Erde gut 10.000 Jahre zurück. Vieles davon würde in Vergessenheit geraten, gäbe es nicht den Heimatverein Marzahn-Hellersdorf, der die Geschichte des Bezirks lebendig hält und im Gedächtnis verankert.
Dass Geschichte mehr ist als die letzten 40 Jahre, zeigt schon das Logo des Vereins. Es zeigt neben der alten Mühle auch die Dorfschule am Marzahner Anger, heute Sitz des Bezirksmuseums. In der Mitte prangt die Richtkrone – kein Zufall. „Das ist, genau wie die Neubauten im Hintergrund, ein klarer Verweis auf die jüngere Geschichte des Bezirks und auch auf die Anfänge des Vereins“, erklärt Olaf Michael Ostertag, Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf. „Der Verein, eigentlich seine beiden Vorgänger in Marzahn und Hellersdorf, wurden Anfang der 1990er-Jahre, direkt nach der Wende, gegründet.“ Die erste Generation der Vereinsmitglieder bestand überwiegend aus Historikerinnen und Historikern, die im Wendeprozess ihre Anstellung an der Universität verloren hatten. Die große Sorge: Dass die Bezirksgeschichte und die immense Bauleistung der letzten Jahre in Vergessenheit geraten könnten. Der Heimatverein sollte diese Erinnerung bewahren. Ostertag ergänzt: „Und die Richtkrone ist eben eines der markantesten Symbole, die genau für diese Zeit und die damalige massive Veränderung des Bezirks steht.“ Die Richtkrone steht auch heute noch als Skulptur von Alfred Bernau in der Allee der Kosmonauten – ein Denkmal für den Baubeginn der Großsiedlung Marzahn 1977.
Trotz dieser Gründungsgeschichte macht der Verein klar: Die Geschichte der Bezirke begann lange vor der DDR und wird bis heute fortgeschrieben. Ein wichtiger Partner ist das Heimatmuseum. Es entstand auf Initiative des Heimatvereins Anfang der 1990er-Jahre. So wirkte etwa die Vereinshistorikerin Dr. Christa Hübner wesentlich an der Konzeption der langjährigen Dauerausstellung mit. Ein Großteil der Forschungsarbeit im Museum sowie Teile der Exponate stammen direkt aus dem Heimatverein.
„Im Stadtbild ist die ältere Geschichte nur noch wenig zu sehen“, beschreibt Ostertag die Lage. „In Marzahn haben wir noch den alten Dorfkern mit dem Anger, aber in Hellersdorf markieren nur vier Säulen den Standort der ehemaligen Dorfkirche.“ Umso wichtiger ist die begleitende Arbeit des Vereins. Der Verein erforscht und bewahrt die Geschichte des Bezirks in Publikationen. Ostertag fasst den Anspruch so: „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verbinden – und dafür möglichst viele Mitstreiter zu gewinnen.“ Eine der wichtigsten Veröffentlichungen ist das historische Jahrbuch. Es verbindet wissenschaftliche Beiträge mit einem Rückblick auf das zurückliegende Jahr. Dazu erscheinen regelmäßig Broschüren zu einzelnen Themen. Alle Publikationen gibt es im Bezirksmuseum oder bei Veranstaltungen, etwa dem Kaulsdorfer Weihnachtsmarkt. „Der Tag der Regional- und Heimatgeschichte ist für uns besonders wichtig. Dieses Jahr haben wir dafür einen ausführlichen Zeitstrahl zum Bezirk geschaffen, der viele Jahrhunderte zurückreicht“, schwärmt Ostertag.
Bei einer dieser Veranstaltungen sprach auch Ralf Protz von der STADT UND LAND als Referent. Sein Thema: Wohnungsbaugeschichte mit Fokus auf Typenbauten und die Wohnqualität in den Großsiedlungen. Der Kontakt riss nicht ab. Im Jahr 2025 musste der Verein seine bisherigen Archivräume im Bezirksamt verlassen und suchte dringend einen neuen, geeigneten Ort. Der Draht zur STADT UND LAND kam da gelegen. Bald fand sich eine passende Gewerbeimmobilie in der Lily-Braun-Straße. „Für uns waren die Räume perfekt. Wir konnten nicht nur das Archiv unterbringen, sondern hatten erstmals auch ein kleines Büro und einen Sitzungsraum“, sagt Ostertag. Für die STADT UND LAND passte der neue Mieter ebenfalls: Die Immobilie eignet sich wenig für Laufkundschaft. Am Ende gewannen beide Seiten.
Willkommen im WBS 70
Damit endet die Geschichte zwischen Verein und STADT UND LAND nicht: Seit einigen Monaten betreut der Heimatverein zusätzlich zur bisherigen Arbeit auch die Museumswohnung der STADT UND LAND in der Hellersdorfer Straße 179. Jeden Sonntag öffnen Vereinsmitglieder die Tür, beantworten Fragen und führen durch die Zimmer der authentisch eingerichteten Plattenbauwohnung. Denkbar ist, das Angebot um individuelle Führungen oder weitere Öffnungszeiten zu erweitern. „Die Wohnung passt perfekt zu unserem Verein. Und nicht nur unsere Mitglieder sind begeistert, sondern auch alle Besucherinnen und Besucher. Seit wir ein Goldenes Buch ausliegen haben, haben wir das auch schwarz auf weiß“, sagt Ostertag und lächelt.
Neben der jüngeren und älteren Vergangenheit rückt für den Verein auch die jüngste Geschichte in den Blick. „Es ist schon erstaunlich, dass man selbst irgendwann zu einem Zeitzeugen wird. Und die letzten 20 Jahre in Marzahn-Hellersdorf haben schon wieder so viel Geschichte und Geschichten hervorgebracht, dass unserem Verein nicht langweilig werden wird“, sagt Olaf Michael Ostertag. Was es dazu braucht, sind Engagierte. „Neben den großartigen Menschen im Verein können wir vor allem mit unseren zwei jährlichen Fachexkursionen punkten, zu denen auch Nichtmitglieder mitkommen dürfen. Interessierte können sich jederzeit melden.“
Alle Informationen über die Museumswohnung finden Sie unter:
STADT UND LAND Museumswohnung | STADT UND LAND