Was für ein Zirkus!

Was für ein Zirkus!

© Yves Sucksdorff
Wer in Berlin unterwegs ist, hat sie sicher schon gesehen: gelb-rote Zirkuszelte mitten in der Stadt. Dahinter verbirgt sich kein normaler Manegenbetrieb, sondern einer der größten Kinder-und Jugendzirkusse Europas – verteilt auf sechs feste Standorte.
Der Anfang war klein, die Idee überzeugend: Zirkus verbindet und Zirkus führt Menschen zusammen. In einem Kreuzberger Hinterhof trainierten vor mehr als 30 Jahren ein paar Kinder auf neuen Einrädern. In Alt-Treptow gründete sich im Kulturhaus parallel eine Zirkusgruppe. Durch eine Elterninitiative kamen beide Gruppen zusammen und bildeten so den Vorläufer des heutigen Zirkus CABUWAZI – noch ohne Zelt, aber mit viel Enthusiasmus. Kurz nach der ersten Vorstellung 1994 in Treptow stand das erste Zelt. Kreuzberg folgte direkt danach. „Die Nachfrage war unglaublich. Gerade die sogenannten Lückekinder, die zu alt für den Hort waren, standen oft ohne passende Angebote da“, erzählt Ylva Queisser, Leiterin des CABUWAZI-Standorts Tempelhof.
Zirkus als Lernort
„Wir unterstützen Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung – mit der Methode Zirkuspädagogik.“ So beschreibt Ylva Queisser die Idee hinter CABUWAZI. Wie viel mehr dahintersteckt, zeigen die Geschichten rund um den Zirkus – und die Zahlen. Mehr als 200 Mitarbeitende sind im CABUWAZI-Kosmos beschäftigt: aus den Bereichen Zirkuspädagogik und Artistik, dazu ein Team für Verwaltung und Organisation. Jedes Jahr trainieren rund 12.000 Kinder und Jugendliche zwischen zwei und 27 Jahren. Denn bei CABUWAZI geht es nicht erst mit den „Lückekindern“ los – mit Cabufamily und Cabuwinzig gibt es auch Angebote für die Allerkleinsten. Selbst Erwachsene können an einigen der sechs Standorte in speziellen Erwachsenenkursen trainieren.
„Ein Zirkus hat einen großen Vorteil gegenüber anderen Jugendeinrichtungen: Er ist niedrigschwellig und bietet bunte, ungewöhnliche Angebote“, beschreibt Julia Krautstengel vom Team der Öffentlichkeitsarbeit die tägliche Arbeit. „Hier finden alle eine Rolle, die ihnen Spaß macht und in der sie ihre Fähigkeiten ausbauen können. Sei es Akrobatik in der Manege, Moderation der Shows, Unterstützung bei Licht und Ton oder Mitarbeit in den Werkstätten.“
Zirkus mit Auftrag
Alle Standorte haben dieselben Grundangebote, agieren aber relativ unabhängig – vor allem mit Blick auf die inhaltliche Ausrichtung. Julia Krautstengel erklärt den Hintergrund so: „Die Standorte entstehen nicht im luftleeren Raum. Oft gibt es in den jeweiligen Kiezen einen großen Bedarf an Angeboten für Kinder und Jugendliche, der nicht abgedeckt werden kann. Wir wurden gerade in den letzten Jahren zum Beispiel direkt von den Bezirken oder dem Senat angesprochen. Nach den Bedarfen richtet sich auch die Ausgestaltung des Angebots und der Arbeit.“
So haben etwa die Standorte Hohenschönhausen, Tempelhof und Altglienicke den Fokus auf Inklusion. In Tempelhof zeigt sich das auch in der befristeten Genehmigung: „CABUWAZI Tempelhof hängt elementar an den Unterkünften für Geflüchtete – sollten sie einmal nicht mehr gebraucht werden, endet auch unser Vertrag.“
In Altglienicke gibt es auch eine enge Abstimmung mit dem Bezirk Treptow-Köpenick. Nach dem Start als mobiles Zirkusangebot kam auch hier bald das Zelt – und seit Kurzem noch viel mehr. Ylva Queisser war selbst noch nicht da, schwärmt aber trotzdem: „Der Bau unseres festen Trainingshauses wurde vom Jugendamt und vom Investitionspakt Soziale Integration im Quartier gefördert. Diese Halle wurde also direkt nach unseren Bedürfnissen gebaut. Wir können unser Glück immer noch nicht fassen.“ Das Zirkushaus ist so professionell ausgebaut, dass sich auch andere Artisten oder Zirkusse einmieten können. Ein Garant für den Fortbetrieb ist das aber nicht. „Die festen Bauten sind natürlich ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung unserer Arbeit vonseiten des Bezirks. Aber unsere Arbeit ist immer von Finanzierungen abhängig – und da macht uns etwa die unklare Haushaltslage zu schaffen“, erklärt Aurélie, Standortleitung des CABUWAZI Altglienicke. Aus diesem Grund werden auch Spenden, Vermietungen und Unternehmenskooperationen wichtig. „Bei uns in Altglienicke sah es so aus, als könnten wir die diesjährigen Manegenzauber im Winter‘-Shows, also eines der Highlights des Jahres, nicht durchführen. Erst eine Unterstützung durch die STADT UND LAND macht die Shows nun möglich.“ Der enge Kontakt zu Wohnungsbauunternehmen wie zur STADT UND LAND hat zusätzlich den Vorteil, dass diese nah an ihren Mieterinnen und Mietern sind – und so beide Seiten von dem Angebot profitieren.
Unterschiedliche Angebote
Die inklusive Arbeit gelingt auch dank des diversen Teams. „Wir decken zum Beispiel viele Sprachen durch unsere Mitarbeitenden ab. Wobei das oft gar nicht so wichtig ist, denn Zirkustraining ist in erster Linie Körperarbeit und funktioniert auch sehr gut ohne viel Sprache“, beschreibt Julia Krautstengel die Arbeit. Und die Kinder und Jugendlichen lernen weit mehr als Jonglieren oder Akrobatik. „So eine Zirkusshow – und die konzipieren die Kinder und Jugendlichen ja selbst – funktioniert nur gemeinsam. Das erfordert ungeheuer viel soziale Kompetenz, die sie hier lernen.“
Die festen Kurse in den verschiedenen Disziplinen, die Cabuwinzig-Angebote und das freie Training finden nachmittags statt. Doch auch vormittags sind die Zelte oft gut besucht. „Schulen kommen gerne im Rahmen von Projektwochen zu uns. Die Kinder lernen dann in Kleingruppen jeweils eine Disziplin, woraus sie nach fünf Tagen eine eigene Show gestalten. Diese Shows sind natürlich gerade für die Kinder das Highlight der Woche“, schwärmt Ylva Queisser.
Gekommen, um zu bleiben
Und wenn die Jugendlichen zu alt für CABUWAZI werden? Ylva Queisser beruhigt: „Es passiert nicht selten, dass wir hier den Grundstein für das spätere Berufsleben legen. Sei es in der Zirkuspädagogik, in der professionellen Artistik oder für beides in Kombination. Einige unserer aktuellen Trainerinnen und Trainer haben hier angefangen. Zum Beispiel Jessy Meden: Sie war bei der allerersten Vorstellung als Kind dabei und leitet heute den Standort Kreuzberg.“
Gemeinsam mit den Bezirksämtern und Förderprogrammen ermöglicht CABUWAZI auch kostenfreie oder ermäßigte Kurse. Doch nicht nur für die Kinder und Jugendlichen in der Manege ist der Zirkus ein wichtiges Angebot. Julia Krautstengel dazu: „Ein Zirkus lebt natürlich auch von den Zuschauerinnen und Zuschauern. Es gibt für Kinder nichts Besseres, als andere Kinder auf der Bühne – beziehungsweise bei uns in der Manege – zu sehen. Sonst sehen sie überall nur Erwachsene, aber hier zeigen wir, was Kinder alles leisten können.“ Der Erfolg zeigt sich auch am Applaus und an den Wartelisten für die Kurse.